POL/LOC

Teilprojekt 7 – POL/LOC

Neben der medizinischen Forschung bemühen wir uns auch um die Übertragung des gesammelten Wissens in die Ausbildung. Dabei gilt es, die sich rasch entwickelnden Ergebnisse zeitnah für die effiziente Wissensvermittlung vorzubereiten. Im Rahmen dieses Teilprojekts arbeiten wir gemeinsam mit dem Reformstudiengang Medizin (RSM) der Charité an einer innovativen Methode der zeiteffizienten Wissensvermittlung.

Dabei steht das im RSM erfolgreich eingesetzte Konzept des Problemorientierten Lernens im Vordergrund. In einem ersten Teilschritt soll dieses Konzept in ein angepasstes und modernes Live-Online-Collaboration System übertragen werden. Im Anschluss wollen wir Studierenden die Erkenntnisse unserer Forschung durch dieses System vermitteln und letztlich die Effizienz des Konzepts durch eine Studie erfassen.

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Problemorientiertes Lernen (POL)

POL ist ein zentrales didaktisches Konzept der medizinischen Aus- und Weiterbildung, das auf der Kolaboration der Teilnehmer und der Bereitstellung und Bearbeitung realitätsnaher medizinischer Falldaten beruht. POL ist als didaktisches Konzept in der medizinischen Ausbildung fest etabliert. Seit mehr als 20 Jahren ist POL nicht nur an Eliteuniversitäten wie z.B. der Harvard Medical School die zentrale Lernmethode im Medizinstudium. In der Erziehungswissenschaft wird Problemorientiertes Lernen als eine eigenständige didaktische Disziplin angesehen, die hauptsächlich in der Erwachsenenbildung eine große Rolle spielt. Bei der Durchführung einer POL Veranstaltung ist Ausgangspunkt jeder Lernaktivität immer eine authentische und komplexe, schriftliche Darstellung eines Falles (Problems). Dieses Verfahren ist dem kooperativen, fallbasierten Lernen (engl. Case Based Education) und auch dem kooperativen, problembasierten Lernen (PBL) verwandt. Studien zu verschiedenen Lernformen [4, 5, 7, 8] zeigen, dass durch das Lernen am Fall und das Vortragen und Diskutieren eines Falles in einer Gruppe eine vergleichsweise erheblich höhere Erinnerungsquote erreicht wird. Als Grund hierfür wird angenommen, dass Wissen passiv nur schlecht aufgenommen werden kann. Wissen das im Rahmen von problemorientierten Recherchen erabreitet wird, wird mit dem vorliegenden Fall verknüpft und kann bei ähnlichen Fällen besser erinnert werden. Dieses Konzept führt somit zu dauerhaft erlerntem Wissen und kann darüber hinaus die Teilnehmer eines Kurses dazu befähigen, diese Form der Wissensakquisition im Rahmen der Anforderungen lebenslangen Lernens [3] nachhaltig, selbständig fortsetzen zu können.

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Ausgangspunkt jeder Lernaktivität ist dabei immer eine authentische und komplexe schriftliche Darstellung eines Falls (Problems). Im Hinblick auf eLearning lässt sich das Verfahren genauer beschrieben ist es als 7 Schritt Verfahren in [1]), wie folgt, in drei Schritten zusammenfassen.

  1. In kleinen Gruppen wird der Text von den Teilnehmern gelesen. Dabei werden Verständnisfragen durch gemeinsame Erörterung ausgeräumt und unbekannte Begriffe werden gemeinsam erklärt und in schriftlicher Form festgehalten. Die sich aus der Fallbeschreibung ergebenden Probleme werden nun erarbeitet und gemeinsam Ideen als Lösungsansatz formuliert. Dabei kann die Gesamtlösung auch zur getrennten Bearbeitung in Teillösungen zerlegt werden. An diesem Punkt ist die Gruppenarbeit in der Regel zunächst beendet.
  2. Jeder Teilnehmer betreibt nun selbstständig Recherchen und formuliert Lösungen oder Teillösungen. Dieser Schritt kann auch innerhalb der Sitzung erfolgen, wenn die Teilprobleme nicht zu komplex sind und die Bearbeitungszeit für diesen Schritt nicht zu gross wird oder eine Recherche nicht notwendig ist.
  3. Anschliessend werden die Ergebnisse der Überlegungen und gegebenenfalls auch der Recherchen vorgestellt und daraus eine Synthese erarbeitet, die das Gesamtproblem löst.

Dieses Verfahren ist dem kooperativen, fallbasierten Lernen (engl. Case Based Education) und auch dem kooperativen, problembasierten Lernen (PBL) verwandt. Wissenschaftliche Studien [2] zeigen, dass Studierende, die ein PBL-Curriculum durchlaufen haben, etwas weniger Wissen in theoretischen Grundlagen haben, dies aber durch besseres praktisches Wissen kompensieren.

Real Time Collaboration (RTC) und Live Online Collaboration (LOC)

RTC oder Live Collaboration (LC) bezeichnet die Kollaboration von mindestens zwei Personen ohne zeitliche Verzögerung. Live Online Collaboration (LOC) bezeichnet weiterhin LC über das Internet.

Corporate eLearning oder eLearning 2.0 ist die Weiterentwicklung des klassischen eLearning durch Elemente des Web 2.0 [6]. Die Ziele und Vorteile des eLearning werden auch dem eLearning 2.0 vererbt. Der beherrschende Unterschied zwischen den beiden Versionen besteht in der Form der Wissensaquise. Dabei wird der Gedanke von Web 2.0 – Interaktion und Kollaboration – in Corporate eLearning aufgegriffen. Das gemeinsame Erarbeiten von Wissen rückt klar in den Vordergrund. Der Dozent soll nicht länger allein das Material bereitstellen und die Lernziele definieren. Mit Real-time Collaboration oder Live Collaboration (LC) wird die Kollaboration von mindestens zwei Personen ohne zeitliche Verzögerung – also in Echtzeit – bezeichnet. Der Begriff wird häufig in Zusammenhang mit dem Thema eLearning und Audio-/Video-Konferenzsystemen verwendet und bezieht sich in der Regel auf nicht-natürliche Medien. Ein ebenfalls zu diesem Zweck etablierter Begriff ist Live Online Collaboration (LOC). Dieser wird häufig in Verbindung mit LC über das Internet verwendet. In diesem Sinne ermöglicht LC – im Gegensatz zu Kollaboration über natürliche Medien – die zeitsynchrone Zusammenarbeit von mehreren Personen über geographische Grenzen hinweg.

POL mittels LOC

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Durch die auf Grundlage der Mediendidaktik gewonnenen Erkenntnisse über die Vorteile des eLearning 2.0 gegenüber dem klassischen Präsenzseminar, ist das Interesse an neuen Werkzeugen in der Lehre groß. eLearning 2.0 bietet vor allem Unabhängigkeit, Flexibilität und ökonomische Vorteile [2]. Es existiert derzeit kein speziell auf die Bedürfnisse des POL angepasstes LOC-System. Offene LOC Systeme können für kolaboratives Arbeiten eingesetzt werden, bieten aber in der Regel keine intuitiv einsetzbaren Funktionen um POL Seminare abzuhalten und befinden sich noch in einemfrühen Stadium der Entwicklung. Gleichzeitig verfolgen verfügbare POL eLearning Systeme lediglich den Ansatz der asynchronen Kommunikation oder bieten ausschließlich Fallanalysen in elektronischer Form – als Case Based eLearning – zum Selbststudium an und entsprechen damit nicht dem didaktischen Konzept von POL. LOC Funktionalität ist bei diesen Systemen nicht vorhanden. In der Hochschullehre haben sich bereits viele der eLearning 2.0 Techniken wie Podcasts und Wiki’s in verschiedenen Veranstaltungen als nützlich erwiesen, es fehlen jedoch in der Regel Möglichkeiten um Lerninhalte in Arbeitsgruppen auf diesem Wege zu erarbeiten. Typischerweise wird dieser Schritt der Selbstorganisation überlassen und auf entsprechendes Angebot mangels nutzbarer Alternativen zu herkömmlichen Techniken – wie z.B. Präsenzveranstaltungen, Mailinglisten oder Foren – verzichtet. Insbesondere bei POL ist die synchrone Kommunikation – im Gegensatz zu asynchroner Kommunikation die zeitlich verzögert stattfinden kann wie z.B. bei Email – der Lernenden durch den kolaborativen Ansatz von großer Bedeutung. POL Seminare werden daher in der Regel nach wie vor als Präsenzveranstaltung durchgeführt [1]. Für die Kommunikation bei einer Vielzahl der Aufgabenbereiche in der Medizin ist dies in besonderer Weise relevant. Hier ist LOC sowohl in der Ausblidung als auch in Expertenrunden effektiv einsetzbar.

Felix Güttler

[1] M. A. Albanese and S. Mitchell. Problem-based learning: a review of literature on its outcomes and implementation issues. Acad Med, 68(1):52– 81, Jan 1993.
[2] U. Backes-Gellner, G. Faerber, G. Bosch, B. Nagel, and D. Timmermann. Der weg in die zukunft. Schlussbericht, Bundesministerium für Bildung und Forschung, 4 2004.
[3] Bund-Laender-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsfoerderung (BLK). Strategie für lebenslanges lernen in der bundesrepublik deutschland. Technical Report 115, Bundesministerium für Bildung und Forschung, 2004.
[4] Erol Gurpinar, Berna Musal, Gazanfer Aksakoglu, and Reyhan Ucku. Comparison of knowledge scores of medical students in problem-based learning and traditional curriculum on public health topics. BMC Med Educ, 5(1):7, Feb 2005.
[5] Stefan Herzig, Ralph-Mario Linke, Bent Marxen, Ulf Bärner, and Wolfram Antepohl. Long-term follow up of factual knowledge after a single, randomised problem-based learning course. BMC Med Educ, 3:3, Apr 2003.
[6] Tim O’Reilly. What is web 2.0: Design patterns and business models for the next generationof software. Online, 9 2005.
[7] Henk G Schmidt, Lyanda Vermeulen, and Henk T van der Molen. Longterm effects of problem-based learning: a comparison of competencies acquired by graduates of a problem-based and a conventional medical school. Med Educ, 40(6):562–567, Jun 2006.
[8] Malathi Srinivasan, Michael Wilkes, Frazier Stevenson, Thuan Nguyen, and Stuart Slavin. Comparing problem-based learning with case-based learning: effects of a major curricular shift at two institutions. Acad Med, 82(1):74–82, Jan 2007.